Drangeblieben … von der Architektur-Studentin zur Professorin für Baukonstruktion

16.06.2022 | Allgemein
Im Gespräch mit der Oldenburger Professorin Dr. Iris M. Reuther

Der Ingenieursberuf ist immer noch eher männlich geprägt. Dem entsprechend sind auch die Lehrenden an Hochschulen und Universitäten in den einschlägigen Fächern zumeist Männer. Eine der allmählich häufiger werdenden Ausnahmen ist Dr. Iris M. Reuther. Zum 1. Januar 2022 wurde sie als Professorin an die Jade Hochschule in Oldenburg berufen.

Dr. Reuther absolvierte vor 22 Jahren ihr Architekturstudium an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, die damals noch Fachhochschule war. Schon während ihres Studiums sammelte sie als Tutorin Erfahrungen in der Lehre. Seitens Professoren und Studierenden erhielt sie dafür positives Feedback. Sie wurde sogar bereits damals von einigen der damaligen Professoren ermutigt, in die Lehre zu gehen, obwohl sie das zu diesem Zeitpunkt nicht geplant hatte.

Nach ihrem Studium arbeitete Dr. Reuther kurze Zeit in der freien Wirtschaft. Anschließend zog es sie an die Universität Stuttgart, wo sie das Diplomstudium „Architektur und Stadtplanung“ im Herbst 2003 mit Auszeichnung abschloss. In den folgenden Jahren sammelte sie umfangreiche Erfahrungen in einem auf die späteren Leistungsphasen spezialisierten Architekturbüro. Sowohl im In- als auch Ausland realisierte sie in der Objektüberwachung vor allem Bauten des Gesundheitswesens. 2007 erwarb sie mit der Zusatzqualifikation als Sachverständige für Schäden an Gebäuden weitere Expertise. Schließlich führte sie ihr Weg an die Technische Universität Graz. Dort war sie zwei Jahre in der Lehre tätig und begann ihr Doktorat zum Thema „Qualitätsmanagement von Hochschulneubauten“. Neben ihrer Promotion, die sie 2019 abschloss, arbeitete Dr. Reuther weiter in einem Architekturbüro.

Wer eine Professur anstrebt, muss in der Regel drei Voraussetzungen erfüllen. Diese sind neben der Promotion eine mindestens fünfjährige Berufspraxis sowie einschlägige Lehrerfahrung. Insbesondere für Frauen mit Familie ist dieses Qualifikationsprofil eine Herausforderung.

Hier hilft oftmals die LaKoF weiter, so auch bei Dr. Reuther. Die Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an bayerischen Hochschulen, kurz LaKoF, unterstützt Frauen durch gezielte Angebote in ihrer wissenschaftlichen Karriere und möchte damit den Anteil an Frauen in der bayerischen Professorenschaft erhöhen.   

Zwar hatte Dr. Reuther bereits österreichische Lehrerfahrung an einer Universität, jedoch fehlte ihr deutsche HAW-Lehrerfahrung. Dafür konnte sie dank der LaKoF an ihren ersten Studienort Würzburg zurückkehren. Die Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen begrüßte dies sehr und ermöglichte Frau Dr. Reuther ab dem Sommersemester 2019 einen Lehrauftrag. Mit ihrem dadurch vollständigen Qualifikationsprofil konnte sie sich erfolgreich auf eine Professur bewerben.

Zum 1. Januar 2022 wurde Dr. Iris M. Reuther berufen. Mit ihr startete zum Sommersemester 2022 nun ein „Würzburger Gewächs“ als Professorin für Baukonstruktion an der Jade-Hochschule Oldenburg.

 

FRAGEN an Prof. Dr. Iris Reuther

Warum denken Sie, dass so wenige Frauen in Ingenieursberufen anzutreffen sind? 

Nach meiner Einschätzung sind weibliche Vorbilder immer noch eine Minderheit. Dazu beeinflussen sicher auch die Sozialisation sowie die Interessen und Neigungen die Berufswahl sowohl von Mädchen als auch von Jungen. Insbesondere das Bauwesen ist innerhalb der MINT-Fächer noch sehr männerdominiert, was möglicherweise daran liegt, dass es eine sehr traditionelle Disziplin ist. Manche Frau zweifelt zudem vielleicht auch an der Vereinbarkeit eines technischen Berufs mit einer eigenen Familie.

Was waren die größten Herausforderungen in Ihrer bisherigen Karriere? 

Der Spagat zwischen Berufstätigkeit in Norddeutschland und externer Promotion in Österreich war nicht immer einfach. 
Aber gerade die vielen, räumlich weit verteilten beruflichen Stationen erweiterten meinen Horizont und Erfahrungsschatz, auch wenn mir dies viel Zeit, Flexibilität und Kraft abverlangte. Eine Hochschullaufbahn ist eben nicht planbar, folglich gilt es auch, Unsicherheit auszuhalten.

Haben Sie in Ihrem Studium oder in Ihrem bisherigen Berufsleben je eine Benachteiligung oder gar eine Bevorzugung gegenüber Männern erlebt? 

Die LaKoF bevorzugt natürlich eindeutig Frauen Eine Benachteiligung als Frau während des Studiums habe ich kaum erlebt. Während der Berufstätigkeit jedoch teils in erheblichem Umfang. Möglicherweise wurde meine hohe fachliche Kompetenz von manchem als Konkurrenz empfunden.

Welche Bedeutung hat LaKoF für Sie? 

Anfangs war die LaKoF für mich vor allem ein hoch willkommener Support. Schnell wurde daraus ein lebendiges, interdisziplinäres Frauen-Netzwerk. Außerdem ist mir diese Förderung inzwischen auch zur Herzensangelegenheit geworden: ich versuche jetzt als Professorin gerade auch die jungen Frauen zu ermutigen und zu fördern. Das geschieht natürlich grundsätzlich durch mein „Role-Model“, soll aber auch darüber hinaus gehen.

Welche Bedeutung hat die FAB für Sie? 

Sie ist für mich „Heimat-Fakultät“ und hat mich sehr geprägt. Abgesehen von den Persönlichkeiten, die mir während meines Studiums in verschiedener Hinsicht zum Vorbild wurden, schätzte ich die Vielfalt innerhalb des Lehrkörpers und die Verschiedenheit der Professoren. Erst recht gilt dies für den Umstand, dass die Studiengänge A und B bis heute eine gemeinsame Fakultät bilden. Möglicherweise hat mir diese keineswegs gängige Nicht-Trennung der beiden Studiengänge auch den Weg an meinen jetzigen Fachbereich erleichtert: als Architektin lehre ich nun junge Menschen, die absehbar die Fachrichtungen Bauingenieurwesen, Wirtschaftsingenieurwesen (Bau) oder Bauinformationstechnologie absolviert haben werden.